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"1917": Der One-Shot Kriegsfilm ist eine Wucht (REVIEW)

Ein Kriegsfilm als großer Oscar-Favorit! 1917 ist ein großes Highlight in 2020, dass weltweit für viele Lobeshymnen unter den Kritikern sorgte. Nicht nur die Technik ist eine die einem im Kino den Atem raubt, sondern auch die richtig starken Sets sorgen für ein Kino-Erlebnis, welches sich nur noch selten bei einem Kriegsfilm widerfindet.

Die Gleichgültigkeit des Grabenkriegs

Die Welt befindet sich im Krieg. Schon drei blutige Jahre lang. Die Briten kämpfen zusammen mit ihren Verbündeten gegen die Deutschen. Mittlerweile wich der Bewegungskrieg, der zu Beginn die Kriegsführung beherrschte, einem erbarmungslosen Stellungskrieg, wo sich die feindlichen Lager in kilometerlangen Schützengräben (manchmal sogar nur wenige Meter voneinander entfernt) gegenüberliegen. Wie sehr dieses Bild auch nachhaltig die Soldaten in ihrer Psyche beeinflusst haben muss, merkt man dem Film in absolut jeder Sekunde an, wo wir uns in einem solchen Graben befinden. Alle sind gebrandmarkt von Leid, Hoffnungslosigkeit und einer zerbombten Landschaft, die einem verstärkt das Gefühl gibt sich in der Hölle auf Erden zu befinden. Viele Soldaten, in deren Gesicht wir bei den teils sehr langen Kamerafahrten blicken können, machen deutlich, wie sehr dieser Krieg die Menschen in die Hoffnungslosigkeit getrieben haben muss. Es war teilweise so schlimm, und das bringen die Anfangsminuten sehr stark zur Geltung, das viele Soldaten eine immer größer werdende Gleichgültigkeit für ihr Leben und das der Anderen, entwickelten. Der Krieg ist Alltag geworden und mit ihm der allgegenwärtige Tod. 1917 veranschaulicht diese Stimmung mit einer beängstigenden Authentizität.

 

Der erste Weltkrieg ist seit vielen Jahren schon lange kein Thema mehr für Kriegsfilme. Nur noch selten wagen sich Regisseure an diesen, doch sehr komplizierten Krieg, der vor allem in Europa ausgefechtet und die meisten Opfer forderte. Sam Mendes hat zudem selbst einen Großvater, der in diesem Krieg gekämpft hatte. Von ihm stammt letztlich auch diese Geschichte, die zwar zum Start nicht durch rasante Action bestimmt wird, dafür aber mit einer einheitlich bedrückenden Stimmung, die viele Zuschauer fesseln könnte.

Das Set schockiert, fasziniert und fesselt

Die Hürde an der viele Artgenossen im Kriegsfilm-Genre scheitern, ist ein gelungenes Set. Dieses muss vor allem mit dem Zeitpunkt und der Umgebung in dem die Handlung spielt perfekt im Einklang sein. 1917 sticht gerade wegen dieser Settings hervor (auch wenn der Drehort in Großbritannien ist). Die Schützengräben, dass Niemandsland, die zerstörte Stadt im Schlussakt. Alles Sets, wo speziell für diesen Film vorbereitet wurden, sind atemberaubend. Größten Respekt an Regisseur Sam Mendes und seiner Crew, die in akribischer Kleinarbeit ein Areal schufen, dass im Kriegsfilm-Genre seines Gleichen sucht. Hier könnte 1917 im selben Atemzug wie Der Soldat James Ryan genannt werden, der zu seiner Zeit sogar fünf Oscars gewinnen konnte. Vier davon in den technischen Kategorien. 1917 dürfte hier ähnliche Chancen haben, wenn nicht sogar die Besten von den aktuell Nominierten. 

 

Alles was hier, vor allem im Niemandsland und Schützengraben, die schockierende Realität des Krieges vor Augen führen kann, wird gezeigt. Und das in hervorragender Detail-Arbeit. Die Rede ist von kilometerlangem Stacheldraht, tiefe Bombenkrater, gefallene Soldaten und Nutztiere, bis hin zu Ratten die Proviant verspeisen. Diese Dinge erzeugen eine unheimliche Faszination für das Szenenbild, als auch ein enorm bedrückendes Gefühl, welches hier wieder mal deutlich veranschaulicht, dass aus Kriegen letztlich keine Sieger und Besiegte hervorgehen, sondern nur Opfer. Und auch wenn 1917 kein reiner Anti-Kriegsfilm ist, sondern vielmehr eine Geschichte von zwei einfachen Soldaten und deren Überlebenskampf im Niemandsland (später auch noch in Feindgebiet) erzählt, so erweckt er gerade diese Stimmung doch bis zuletzt ziemlich deutlich.

1917 Filmbild
Bild: Blake (l., Dean-Charles Chapman) und Schofield (George MacKay) auf dem Weg durchs Niemandsland. | © 2019 Universal Pictures

"1917" zeigt das Schnitte viel mehr sein können als nur Feinschliff

Es war ein riesiges Unterfangen, einen Kriegsfilm als ein One-Shot Film zu realisieren. Alleine die Anfangssequenz des Films kommt fast eine Viertelstunde ohne einen einzigen Schnitt daher. Allein der daraus resultierende Aufwand, sowie jede Kleinigkeit die bei einem Dreh falsch laufen kann, müssen mit äußerster Präzision kalkuliert werden. Eine wahre Herkulesaufgabe. Ein Kriegsfilm an sich ist seit jeher immer mit zahlreichen Schnitten übersät. Hier, bei 1917, könnte man auf der Leinwand vermutlich jeden einzelnen Schnitt von der Hand abzählen. Er versteckt seine Cuts (Schnitte) sehr geschickt. Ob das jetzt das Hineinfahren mit der Kamera in einen dunklen Raum oder eine 360° Drehung ist. Als Zuschauer erkennt man das tatsächlich nur, wenn man sich genaustens darauf fokussiert.

Das was allerdings die Sache im Kern so spannend macht, ist das die Kamera auf Schritt und Tritt mit dabei ist. Als wäre der Zuschauer als Dritter im Bunde mit von der Partie. Mittendrin im Schützengraben oder im höllischen Niemandsland. Die Perspektive sorgt in manch einem Moment für Gänsehaut. Beispielsweiße, wenn die Soldaten zum Ersten mal den Schützengraben verlassen und sich das unwirkliche Niemandsland vor ihnen auftut. Wunderschön von der Kamera in Szene gesetzt und gleichzeitig auch äußerst gruselig, wenn man bedenkt, dass diese Landschaft zu der Zeit eine absolute Todesfalle gewesen ist. Die wenigen Schnitte, die der Film wählt, verstärken diese Eindrücke, welche auch die damaligen Soldaten wohl bei diesem Anblick durch Mark und Bein gefahren sind. Es ist eine wahnsinnige Leistung von Regie, sowie auch der einzelnen Schauspieler, denn diese mussten sich viele Zeilen Text, als auch jeden Schritt mit äußerster Genauigkeit einprägen. 

Einfache Geschichte mit spannender Präsenz

Neben den vielem positiven Aspekten, rund um die Technik und der visuell sehr starken Eindrücke, muss man auch die Geschichte loben, auch wenn sie für einen Kriegsfilm, doch recht "normal" scheint. Da gibt es diese eine britische Division, die aus taktischer Sicht in eine Falle zu laufen droht. Die beiden Protagonisten Blake (Dean-Chales Chapman) und Schofield (George MacKay) haben die Aufgabe eben diese Division davon abzuhalten. Das ist im Grunde alles. Natürlich gibt es da noch die tödlichen Gefahren, die auf dem Weg durchs Niemandsland und durch die feindlichen Linien lauern. Aber von der Geschichte her, ist das eine Mission, wie sie bei einem Kriegsfilm mittlerweile Gang und Gäbe ist. Doch das hier zu Grunde liegende Abenteuer hat sowohl einige rasante, als auch ziemlich ruhige Momente, welche trotz ihrer so unterschiedlichen Stimmungslagen eine durchweg spannende Atmosphäre erzeugen. Natürlich gibt es hier auch einzelne Ruhepausen, die hin und wieder etwas abflauen. Aber für ein knapp zweistündigen Kriegsfilm hält sich diese Spannung dann doch recht ordentlich (mit wenigen Ausnahmen). Zumal die Geschichte einen sehr dramatischen Unterton hat, da einer der beiden Soldaten, neben der kompletten Division auch seinen Bruder retten will.

Man kann hier auch zweifellos die beiden Hauptdarsteller, als auch jede kleine Gastrolle positiv erwähnen, da wirklich jede Figur gut an die jeweiligen Gefühlslage anknüpft. Ein weiterer Punkt der hier erwähnt werden muss, ist der, dass mit Benedict Cumberbatch, Colin Firth, Mark Strong und Andrew Scott bereits eine große Elite an britischen Schauspielern sich im Cast wiederfindet. Umso erstaunlicher ist es, dass gerade diese großen Namen sich "nur" als Nebenrollen verdienen. Dean Charles-Chapman (Game Of Thrones) und George MacKay (Captain Fantastic), die beide bei weitem noch nicht die Namen haben, wie die gerade genannten Kollegen, bilden das Duo, welches von Sekunde eins an vor der Kamera steht. Beide liefern dabei wohl ihre mit Abstand besten Leistungen ab, wobei sich George MacKay noch ein Ticken über seinen Kollegen befindet. Aber für beide Schauspieler kann das wohl das Sprungbrett für weitere großartige Filme sein.

Fazit:

1917 ist der erste riesige Kinohit des Jahres. Auf technischer Seite stimmt einfach alles. Gigantische Sets, die eindrucksvolle Bilder liefern, eine noch bessere Arbeit mit der Kamera und zwei wirklich gute Hauptdarsteller. Alles Dinge, die für einen großartiges Kinoerlebnis sprechen. Dabei sollte man allerdings bedenken, dass der Film nicht die großen Action-Sequenzen a la Der Soldat James Ryan abfeuert, sondern vor allem das Szenenbild für sich sprechen lässt. Er vergisst dabei nicht das Kriegsszenario mit bedrückender, als auch spannender Atmosphäre zu würzen. 1917 ist ein wahnsinnig guter Kriegsfilm geworden, der tatsächlich um Haaresbreite an einem Meisterwerk vorbeischlittert.

MCG-Raiting   

★★★   

9.0 Punkte

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