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"Joker": Die schockierend reale Talfahrt in den Wahnsinn (REVIEW)

Er ist der kontroverseste Film des Jahres. Das stand bereits vor dem Kinostart fest! Warum z. B. die Anschuldigung von Gewaltverherrlichung völlig irrelevant ist, hatten wir bereits in einem separaten Artikel erörtert. Nun steht der Psycho-Thriller von Todd Phillips auch bei uns auf dem Prüfstand. Und eines sei vor der eigentlichen Filmkritik gesagt. Dieser Film ist sein Geld im Kino wert!

Joaquin Phoenix brilliert als Clown Prince of Crime

Das Offensichtlichste zuerst. Die Darsteller dieser ikonischen Figur waren stets im Kreuzfeuer. Ob das ein Heath Ledger in 2008, ein Jared Leto 2016 oder nun ein Joaquin Phoenix beim neuen Joker, war. Die Joker-Schauspieler müssen abliefern. Und da kann man den unentschlossenen Kinobesucher von vorne rein, ohne jeden Zweifel versprechen, dass Joaquin Phoenix mehr als nur eine solide Darstellung abliefert. Viele Kritiker reden bereits von einer oscarreifen Leistung und auch wir stimmen da voll und ganz ein. Phoenix brilliert in seiner neuen Rolle erneut. Figuren mit psychischem Knacks liegen ihm so oder so. Das zeigt sich schon in seiner bisherigen Filmografie. Ob arglistiger und Macht versessener Irrer im damals Oscar prämierten Gladiator aus 2000. Oder wie im letzten Jahr als eine Art moderner Taxi Driver im hochgelobten Auftragskiller-Drama A Beautiful Day. Joaquin Phoenix liegen solche Rollen und man merkt, wie er sich akribisch auf den Joker vorbereitet hatte. Für die Rolle selbst magerte er sich runter und erzeugt dadurch ein äußerst schauerliches Erscheinungsbild. Hinzu kommt ein absolut irres Lachen, welches in dieser Origin-Story sogar eine besonders prägnante Rolle einnimmt. Natürlich wird an dieser Stelle nichts genaues verraten. Die Hintergründe zum besten Wiedererkennungsmerkmal, dem ikonischen und verrückten Lachen, des Joker sind sehr gut durchdacht und verursachen allerlei Emotionen. Phoenix brilliert von vorne bis hinten und nimmt uns auf eine Reise mit, in der wir, als Zuschauer, den langsamen Abstieg in den Wahnsinn mit großem Interesse und argwöhnischen Blicken folgen.

Erschreckend realistisches Gesellschaftsbild

Gotham City, eine fiktive Stadt, die bspw. oft mit New York City vergleicht wird. Für Reiche das Paradies, für Arme die pure Hölle. Und in diese Hölle entführt uns der Film in den allermeisten der vielen sehr eindringlichen Szenen, die uns hier präsentiert werden. Sehr oft befinden wir uns in schmutzigen Gassen, wo die Müllabfuhr schon jegliche Hoffnung aufgegeben hat. In diesem Bezirk lebt die Hauptfigur Arthur, welcher sich als bezahlter Partyclown gerade noch so über Wasser hält. Arthur ist ein Mann mit Depressionen und einer Krankheit, die ihn zusätzlich auch körperlich belastet und ihn bei anderen Menschen schnell suspekt erscheinen lässt. Zeitgleich offenbart der Film dadurch die Missstände der Großstadt. Harmonisches Miteinander ist nicht mehr gegeben. Die Menschen grenzen sich gegeneinander aus, helfen nicht und sind zu allen kriminellen Schandtaten bereit. Der neue Joker-Film erzeugt ein verblüffendes und gleichzeitig äußerst erschreckendes Gesellschaftsbild, welches von heutigen Verhältnissen gar nicht so fernab jeglicher Vorstellungskraft erscheint. Die Entwicklung in den Städten, im hier und jetzt, ist mit Sicherheit als Inspiration in den Film mit eingeflossen. Ein Bild, welches auch lange nach dem Film noch eine bedenkliche Nachwirkung im Kopf erzielt. Und diese Einstellung auch die heutige Gesellschaft stark zu kritisieren, ist eine sehr lobenswerte und es trauen sich heutzutage wahrlich nicht viele Filme solche Themen so offen anzusprechen.

Joker (2019) Szenenbild
Bild: Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) bei seinem Job als Clown. | © 2000-2019 Warner Bros.

Eine psychische Talfahrt

Bereits die Anfangsszene eröffnet die Talfahrt von Arthur. Eine Fahrt, die nach und nach in Richtung des völligen Wahnsinns geht. Die ersten Eindrücke, die man sammelt, sind nur ein Vorgeschmack auf das was noch kommt. Der Weg steigert sich von Kapitel zu Kapitel und führt uns an manchen Stellen sogar komplett in die Irre. Als Zuschauer muss man stets hinterfragen was man da gerade sieht, denn die Story ist stark davon abhängig, wie es der Hauptfigur geht. Medikamente spielen gleichsam eine nicht so untergeordnete Rolle, wie man zunächst annehmen mag. Ein smarter Move von Regisseur Todd Phillips, der der Figur eine gewisse Empathie verleiht. Wir fühlen sehr stark mit dem introvertierten und ausgeschlossenen Arthur mit, zumindest bis zu einem Zeitpunkt, wo "er noch er selbst ist". Der letzte Satz klingt zwar paradox, wenn man daran denkt, dass die Hauptfigur von Beginn an psychisch äußerst labil ist. Und dennoch gibt es Szenen, die abseits der späteren Verrückheiten des Jokers, noch immer eine menschliche Seite offenbaren. Ein zweiter Punkt der ebenfalls ziemlich paradox klingt, ist die Tatsache, dass sich Arthur auch erst dann besonders gut fühlt, wenn er dem Wahnsinn verfällt. Der bedeutungsschwangere Satz: "Ich dachte immer mein Leben wäre eine Tragödie. Aber jetzt weiß ich: Es ist eine Komödie" stammt nicht aus einer Passage aus dem Anfang, sondern mitten im extremsten Charakterwandel, der uns schlagartig auch ganz anders über die Figur denken lässt. Es ist gewollt. Na klar! Und dennoch gelingt es an einigen sehr entscheidenden und nachdenklichen Momenten immer wieder eine Ausweglosigkeit zu veranschaulichen, die uns den Charakter wieder in ein vollkommen anderes Licht rückt. Die Talfahrt mag zwar Kurven besitzen, wo die Figur noch alles hätte zum Besten wenden können, doch verpasst man sie geht es steil hinab und am Ende des Tals gibt es nur noch das was die Kultfigur am besten beschreibt: Den reinen Wahnsinn!

Schockierend komisch und exzessiv mitreisend

Das mit dem Joker zumindest immer noch ein kleines Maß an schwarzem Humor mit eingestreut wird, sollte jedem klar sein. Auch wenn schlechte Scherze nicht zwangsläufig an der Tagesordnung von diesem Joker stehen, so vermag es die Neuinterpretation mit Joaquin Phoenix, das eine oder andere Mal, die Stimmung mit völlig absurden Augenblicken aufzuheitern. Oftmals ist diese Art von Humor sehr schwarz und für manch kritischen Betrachter schon wirklich geschmacklos. Für den Großteil der Besucher wird dies dennoch ein wenig Spaß mit sich bringen und die vorherige Stimmungslage, von vielen sehr schwierig verdauenden Szenen, wieder etwas auflockern. Es wird aber nicht lange dabei bleiben, da dieser Joker nicht lange dort verweilt, wo keine düsteren Gedanken aufkommen. Und das ist auch gut so.

Viele Taten die innerhalb der zwei Stunden verübt werden, so furchtbar sie auch sein mögen, sind letztlich das Resultat von vielen schlimmen Ereignissen und Einflüssen anderer Figuren, die Jemand in einem solchen Zustand, wie ihn Arthur Fleck nun einmal hier hat, kaum auszuhalten sind. Wenn man dem Film eins ankreiden kann, dann ist es das diese fiktionale Geschichte so nah an der Wirklichkeit sein kann, wie es nur geht. Und diesen Punkt kann man wohl kaum als negative Kritik aufführen. Denn letztlich bedeutet das es zum Einen wahnsinnig gut inszeniert und den Kern der Zeit trifft. Vielleicht ist gerade auch das die Erklärung, warum einige Leute (die bisherigen Nachrichten kamen bislang alle aus den USA) den Film vorzeitig verließen. Er ist zu nah an der Realität, zu wirklich um ihn als einen Film schnell zu verdauen, zu exzessiv um ihn schnell aus dem Gedächtnis zu löschen. Ob das nun jemanden anregt den Film zu verlassen oder nicht, es überhaupt nichts negatives. Joker erzielt Wirkungstreffer und diese hallen noch lange nach dessen Sichtung nach und dafür hat er großen Respekt verdient.   

Fazit:

Wahnsinn. Einfach nur Wahnsinn. Mit diesem Wort beschreibt man die Figur, als auch den Film am allerbesten. Jede Figur, jeder Handlungsstrang, jede Aktion die mit Arthur einhergeht hat eine nachhaltige Auswirkung auf die komplette Geschichte. Gedankt sei es vor allem einem oscarverdächtigen Auftritt von Joaquin Phoenix und vielen Story-Elementen, die dieser Origin-Story einen bahnbrechenden Weg ebnen. Dieser Joker wird seiner ikonischen Comic-Vorlage gerecht und setzt vor allem in Sachen Gewalt so krasse Akzente, wovor die Vorgänger bislang zurückgeschreckt sind. Die Sets und die verdreckte Großstadt-Einöde verhelfen zusätzlich die immer schneller drehende Abwärtsspirale in den Wahnsinn genau zu dokumentieren. Eine Vielzahl an emotionalen Eindrücken prasseln auf Einen ein, und zwar so stark, dass sie auch lange nach dem Film, noch prägend im Kopf bleibt. Kurz gesagt: Anschauen lohnt sich. Das Ding ist Meisterklasse!

MCG-Raiting

★★★★★★

9.5 Punkte

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