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"Neues aus der Welt": Ein emotionales Prärie-Abenteuer! (REVIEW)

Das Western-Drama wäre mit Sicherheit auch ein guter Start in das Kinojahr 2021 gewesen. Der Film selbst, feiert wegen Corona-Pandemie leider nur einen Netflix-Start. Immerhin bekommen wir den Film dadurch noch vor der Auszeichnung der Golden Globes zu Gesicht. Wahrscheinlich wird Neues aus der Welt auch für die Oscars eine kleine Rolle spielen. Womöglich sogar für die Golden Globe Nominierte Helena Zengel. Doch wie schneidet der Film überhaupt ab?

Neues aus der Welt (OT: News Of The World)

FSK: 12 / Laufzeit: 119 Minuten / Genre: Western/Drama
Regie: Paul Greengrass / Drehbuch: Luke Davies / Basiert auf dem Roman von Paulette Jiles

Western-Depression

Der Film spielt vier Jahre nach dem großen Bürgerkrieg in dem auch Tom Hanks Figur, ein niedergeschlagener Captain aus der Konföderierten-Armee, seinen Platz sucht. Mithilfe von verschiedenen Tageszeitungen präsentiert er, von Stadt zu Stadt, die Nachrichten aus aller Welt. Er ist damit quasi der erste professionelle Nachrichtensprecher, mit dem Unterschied das er mit einer Kutsche unterwegs ist und sich damit Neuigkeiten ziemlich langsam rumsprechen. Die Arbeit selbst ist nicht ungefährlich, da auf den Wegen auch gewalttätige Banden ihr Unwesen treiben. Hinzu kommt, dass er ein Kind alleingelassen in freier Wildbahn aufliest und zu dessen letzten Verwandten eskortieren will. Sie wird gespielt von der Deutschen Helena Zengel, die hierfür sogar als Beste Nebendarstellerin bei den Golden Globes 2021 nominiert ist. Mit ihrer Rolle scheint sie auch tatsächlich gute Chancen zu haben, denn sie muss ein Kind verkörpern, welches ihre Eltern verloren hat und bei Indianern aufgewachsen ist. Keine leichte Aufgabe, da sie hierfür extra eine zusätzliche Sprache erlernen musste. Neues aus der Welt erzählt eine Geschichte zweier stark mitgenommenen Figuren, denen das gelobte Land nicht wirklich was zu bieten hat. Viel schlimmer sogar, es hat ihnen praktisch alles genommen. Geliebte Menschen und die Aussicht auf eine bessere Zukunft. Anstelle eines heroischen Abenteuers bekommen wir von Sekunde eins an zu spüren, was der Wilde Westen aus den Menschen tatsächlich macht. Die Atmosphäre ist weitestgehend kühl und abgehärtet. Eine Szenerie wo Mitgefühl weit hinten angesiedelt ist und jeder Tag der Letzte sein könnte. Doch neben der depressiven Western-Stimmung wird uns ein Abenteuer dargeboten, welches hin und wieder extrem packende Momente liefern kann.

Eine Odysee durch die Prärie

Die Reise oder das Abenteuer gleicht mehr einer Odysee durch die Prärie. Einige Menschen, die den Weg kreuzen, machen es dem ungleichen Duo, welches kaum mit einander kommunizieren kann, unangenehm schwer. In dieser Region überlebt nur der Stärkere. Pferde und Kutschen stellen eine Art Lebensversicherung dar. Banditen, unbarmherzige Anführer und die Wildnis selbst sind hier die größten Feinde. Vor allem das Überleben in der Wildnis bekommt hier, im Gegensatz zu den meisten Western, eine wesentlich höhere Aufmerksamkeit. Denn mir kommt es so vor, als würde man diesen entscheidenden Faktor bei anderen Genre ähnlichen Vertretern gerne mal außer Acht lassen. In Neues aus der Welt wechseln die Gefahren von Kapitel zu Kapitel. Mal bekommen es Captain Jeffersen Kyle Kid und Johanna mit einer skrupellosen Verbrecherbande zu tun. Das andere Mal müssen sie zu Fuß weiter durch die sengend heiße Prärie ziehen. Dabei beschützen sich die beiden gegenseitig, oftmals auch nur mit einfachster Kommunikation (i. d. F mit Gestikulieren), da das junge Mädchen nur die Sprache der Kiowa beherrscht. Auch deren Zusammenspiel ist aller Ehren wert, denn wie das bei solchen Filmen nun mal so ist, lernen beide sich mit dem gefährlichen Abenteuer besser kennen und bauen gegenseitiges Vertrauen auf. Am Anfang zwar nur gemäßigt, aber es steigert sich pro erreichter Etappe. Dabei mag es auch zu dem ein oder anderen Moment kommen, wo etwas zu viel Zufall mitspielt. Der klassische Deus ex machina - Moment, also die ungeahnte Rettung in letzter Sekunde, tritt in diesem Western vor allem im Mittelteil etwas zu häufig auf. Dennoch ist lobenswert zu erwähnen, dass Tom Hanks und Helena Zengel ihre Figuren so in Einklang bringen, dass einem im finalen Schlussakt wirklich warm ums Herz wird, wenn beide sich kurzzeitig aus den Augen verlieren.

Neues aus der Welt Filmbild
Bild: Cpt. Jeffersen Kyle Kid eskortiert die kleine Johanna zu den nächsten Verwandten. | Netflix

Hoch emotionaler Schlussakt

Der Film zielt letztlich auch darauf ab, dass zwei vollkommen fremde Menschen, aus zwei verschiedenen Welten aufeinandertreffen und es irgendwie schaffen eine familiäre Bindung aufzubauen. Die kleine Johanna stellt genau das dar, was Captain Jeffersen Kyle Kid seit dem Krieg verwehrt blieb: Ein Kind. Auch wenn der Hintergrund ihres Zusammentreffens ein sehr tragischer ist, so ist es herzerwärmend mit anzusehen, wie der Captain sie im späteren Verlauf dieses Films wie sein eigen Fleisch und Blut behandelt. Ebenfalls erfrischend ist die Tatsache, dass wir in diesem Western einen etwas seichteren und harmloseren Schlussakt zu sehen kriegen, der weniger Ballerei, dafür aber deutlich mehr Emotion beinhaltet. Kleinere scheinbar unwichtigere Nebenhandlungen, wie bspw. ein vertriebener Indianerstamm finden hierbei ebenso Platz und haben, bei genauer Betrachtung, eine ähnlich große Tragweite auf die Geschichte, wie das Abenteuer an sich. Denn ohne die belegten historischen Gegebenheiten hätte sich diese Story wohl nie so vollzogen, wie hier dargestellt. Die fortschreitende Besiedlung des Kontinents und das scheinbar immer kleiner werdende Territorium, hatten nämlich zu Folge, dass die Indianer mehr und mehr zurückgetrieben wurden. Erst durch diesen tragischen Umstand findet die Begegnung statt. Eine Begegnung die bis zum Ende, oder vielleicht erst recht wegen seinem Ende rührend erzählt und durch zwei starke Charakter-Porträts erinnerungswürdig gestaltet wurde. 

Fazit:

Ein Western muss nicht immer ein Duell mit unfassbar viel Spannung sein. Manchmal reicht da auch ein emotionales Grundkonzept und zwei einprägsame Figuren aus, um ordentliches Western-Feeling zu erzeugen. Neues aus der Welt versucht nicht einmal einen Vorteil aus dem sagenumwobenen Wilden Westen zu ziehen. Vielmehr stellt er klar, was für eine erbarmungslose Kultur dort auf die Menschen lauert. Trotzdem darf dabei eine abenteuerlastige Story nicht zu kurz kommen. Diese hat in diesem Film ein sehr abwechslungsreiches Tempo, als auch sehr abwechslungsreiche Pfade die zu bestreiten sind. Hinzu kommen zwei starke Charaktere mit zwei ebenso guten Schauspielern, die dem Film genau die richtige Portion Theatralik hinzufügen.

MCG-Raiting

★★

7.0 Punkte

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