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"Niemals selten manchmal immer": Die unangenehme Wahrheit über ein Tabu-Thema (REVIEW)

Zu viel Feminismus oder ein geniales Drama? Niemals selten manchmal immer erzählt die Reise zweier jungen Frauen in die Großstadt. Dabei spricht dieser Film ein Tabu-Thema an, welches man so selten bis gar nicht auf der Leinwand zu Gesicht bekommt. Herausgekommen ist ein absoluter Geheimtipp aus 2020, der schon bei so manch einem Filmfestival Preise abgeräumt hat. 

Niemals selten manchmal immer Filmbild
Bild: Zwei Newcomer die den Film noch besser machen! (Talia Ryer l. und Sidney Flanigan r.) | Universal Pictures

Zwei talentierte Newcomer

Der Film folgt ausschließlich den beiden Newcomerinnen Talia Ryder (Skylar) und Sidney Flanigan (Autumn). Beide US-Schauspielerinnen steigen genau mit diesem Film in die Branche ein. Sie sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass Niemals selten manchmal immer zum Kritiker-Liebling wurde. Trotz oder gar wegen ihre geringen Filmerfahrung haben die Dialoge eine enorme Auswirkungskraft. Keines der vielen, teils sehr tiefgründigen, Gespräche wirkt dabei gestelzt oder aus der Luft gegriffen. Und ich gehe noch weiter: Sie wirken dadurch so authentisch wie möglich, so als würden wir hier nicht einmal einen Film, sondern Szenen aus dem echten Leben, zu Auge geführt bekommen. Hinzu kommt eine Thematik, welche nach wie vor, äußerst umstritten ist und selbst in unserer Zeit wenig Aufmerksamkeit erhält. Aber dazu gleich mehr. Zunächst muss man nochmal klar hervorheben, dass trotz der viel Screentime, welche den beiden Hauptfiguren zu Gute kommt, es auch viele schweigsame Stellen gibt. Ein Bild sagt manchmal sprichwörtlich mehr als tausend Worte. Diese Metapher findet hier häufig Anwendung und hat viele positive Effekte auf die gesamte Handlung. Mit diesem Wechselspiel aus emotionalen Dialogen und gelungener Inszenierung triumphiert der Film auf der ganzen Linie. Und vor allem die beiden Schauspielerinnen sollte man definitiv für die Zukunft im Auge behalten. Vielleicht sogar im Hinblick auf die Golden Globes oder die Oscars. Verdient hätten es beide! 

Ein Tabu-Thema wird gebrochen

Das Thema worum es hier geht ist in der Filmbranche eigentlich eines, dass selten angesprochen oder thematisiert wird. Es geht hier um eine Abtreibung. Die 17-jährige Autumn ist ungewollt schwanger und fühlt sich noch nicht bereit eine Mutter zu werden. Für sie gibt es nur eine Option: Schwangerschaftsabbruch! Trotz dieses Lösungsansatzes gibt es zahlreiche Probleme, auf die unsere Hauptfigur stößt: In den kleinen Städten von Pennsylvania gibt es keine passenden Zentren, wo eine Abtreibung durchgeführt werden kann. Für einen solchen Eingriff muss die junge Frau in jedem Fall in eine Großstadt. Ihren Eltern, die sehr wenig Liebe und Fürsorge für ihre Kinder ausstrahlen, kann sie sich nicht anvertrauen, sodass sie mehr oder weniger auf sich allein gestellt ist. Lediglich ihre Cousine Skylar steht ihr hier bei. Zweifellos keine guten Voraussetzungen für eine Reise, die von Minute zu Minute einer kleinen Odyssee gleich kommt. Ein weiteres Hindernis sind die finanziellen Mittel. Im Grunde treten die Figuren ihre Reise mit zu wenig Geld in der Tasche an. Sie kämpfen sich von Tag zu Tag. Und spätestens als der Bus Richtung New York abfährt ist der "Point of no return" bereits erreicht. Dabei wird einem anschaulich erklärt, wie ausweglos die Situation und die Großstadt, trotz ihrer vielen Möglichkeiten, für die jungen Frauen wenig Wärme zu bieten hat. Sie sind quasi gefangen im Großstadt-Dschungel und für kurze Zeit stellt sich sogar die Frage, wie sie überhaupt in ihre Heimat zurückkommen. Dabei merken wir, erst nach dem Film, wie schwierig es für Frauen sein muss, diesen Eingriff, selbst in unserer fortgeschrittenen Zeit in der wir leben, durchführen zu lassen. Es bleibt nach wie vor ein ernstes Thema, welches uns nach dem Betrachten dieses Drama nachdenklich macht und ich finde es wichtig, dass es solche Filme (auch wenn sie selten sind) gibt. 

Niemals selten manchmal immer Filmbild
Bild: Geborgenheit findet Atumn (l.) nur in der Gegenwart ihrer Cousine Skylar (r.). | Universal Pictures

Aufwühlend, unangenehm und herzzerreißend

Es ist ein Drama welches eine unangenehme Wahrheit anspricht: Frauen, die eine Abtreibung in den USA in Erwägung ziehen, finden wenig Zuspruch bzw. überhaupt die Gelegenheit für den Eingriff an sich. Sie alleine haben das Recht über diese Entscheidung und niemand anderes. Das Autumn in einem unliebsamen Elternhaus aufwächst, macht die Lage nicht gerade einfacher. Als Zuschauer fühlt man da, von der ersten bis zur letzten Sekunde mit und versteht ihre Beweggründe. Nicht selten sind die Szenen von Schmerz und Traurigkeit erfüllt, weswegen wir mit einem mulmigen Gefühl die sehr aufwühlenden knapp 100 Minuten in Kauf nehmen müssen. Doch würde es solche Filme nicht geben, würden wir vielleicht solche, sehr reale Problematiken, immer noch unbeachtet an uns vorbeiziehen lassen. Genau dadurch hat Niemals selten manchmal immer eine riesige Tragweite abseits seines Leinwand-Auftritts. Dabei geht es nicht zwangsläufig um Feminismus und Männerhass. Das ein Film ein Thema aufgreift und es dramaturgisch inszenieren will, ist so alltäglich wie eben jenes Problem, welches hier angesprochen wird. Da sind die Vorurteile (wie bspw. der Vorwurf von Verachtung des männlichen Geschlechts) mit denen man den Film, meiner Meinung nach, vollkommen zu unrecht kritisiert, absolut Fehl am Platz. Das so eine Geschichte tagtäglich passiert und sehr wenig darüber berichtet, wie die Gefühlslage eben jener Frauen ist, macht diesen Film umso wichtiger, ja gar zu einer Art Pflichtlektüre bei einem solchen schwerwiegenden Thema. Als Mann fühlt man sich zwar nicht direkt angesprochen, dennoch ist das Gesamtbild dieser Independent-Perle bewegend und herzzerreißend. 

Fazit:

Es mag vielleicht nicht der beste Film des Jahres sein, dafür stellt aber den wichtigsten dar. Der Inhalt ist keiner, der aus einem gängigen Drama stammt. Eliza Hittman bedient sich einem sehr schweren und unangenehmen Thema, dass unbedingt mehr Aufmerksamkeit benötigt. Hierfür werden keine erfahrenen Schauspieler hinzugezogen, sondern zwei gänzlich neue und talentierte Damen, von denen man nur hoffen kann, noch mehr in Zukunft zu sehen. Und auch wenn es für einige schwere Kost sein könnte, so sollte man diesen Film auf jeden Fall gesehen haben. Er ist eines der großen Highlights aus 2020 und spricht das aus, woran sich viele Geister scheiden und wovor die meisten Filmemacher immer noch zurückschrecken.

MCG-Raiting

9.0 Punkte

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