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"Tenet": Rückwärts durch die Zeit! (REVIEW)

Es ist DAS Kino-Highlight in diesem Sommer. Zugegeben, dieser Sommer bietet im Kino nicht wirklich viel Abwechslung, dank der aktuellen Krise. Dennoch lege ich jedem Nahe, der einem komplexen Sci-Fi Thriller nicht abgeneigt ist, TENET im Kino anzuschauen. Denn genau dafür ist er prädestiniert und bietet wirklich alles auf, was Filmtechnisch möglich ist.

Technisch brillant mit fantastischem Sound

Schon die nichts aussagenden Trailer ließen vermuten, dass Tenet ein äußerst schwieriges und komplex zusammen geflochtenes Werk wird. Wer Inception gesehen hat und ihn auch noch in der einen oder anderen Art feiert, wird mit Nolans neuem Film ebenso gut zurecht kommen. Er weißt durchaus einige Ähnlichkeiten zu diesem auf. Unabhängig davon, ob man die beiden Werke vergleicht, kann man mit gutem Gewissen behaupten, dass Tenet rein technisch wohl das Beste ist, was man von Christopher Nolan je zu Gesicht bekommen hat. Der Mastermind des Mindfucks setzte wieder mal mehr auf Practical Effects, anstelle von CGI. Und das tut dem Film enorm gut. Er sieht in seiner gesamten Aufmachung einfach nur fantastisch aus und wird von der Musik des Schweden Ludwig Goransson hervorragend untermalt. Der enorme Bass, den man hier unter die Action setzt, drückt einen förmlich zurück in den Kinositz. Und so sollte es auch im Kino sein! Hier gibt es wirklich kaum etwas zum meckern. Tenet wird 2020 rein auf die Optik reduziert (eventuell mit einer Ausnahme, Dune, aber da wissen wir noch nicht ob dieser Film am Ende dieses Jahres tatsächlich im Kino startet) nicht mehr getoppt werden. Als Meilenstein würde ich ihn vielleicht nicht bezeichnen, aber definitiv, zusammen mit seiner Szenerie der Zeit-Inversion als eines der besten Film-Highlights der letzten Jahre, über das man auch noch lange nach der Sichtung reden kann.

Kühle Atmosphäre - wenig Emotion

Filme, die mit oder hauptsächlich von Spionage oder Agenten handeln, haben oftmals eine ziemlich abgekühlte Grundstimmung. Tenet ist diesbezüglich vielleicht eine Spur zu abgehärtet geraten. Das Problem, was bereits viele andere angesprochen haben und womit alle tatsächlich auch am Ende recht haben, ist der Punkt der fehlenden Emotionalität. Nehmen wir nur mal andere Werke von Nolan als Beispiel, so finden wir dort stets eine oder mehrere Figuren, denen man als Zuschauer emotional zugetan ist. Es sind Figuren mit viel Tiefe und Bindung zum Betrachter. Diese fehlt bei Tenet leider komplett. Es ist womöglich der mitspielenden Spionage-Geschichte geschuldet, dass man hier absolut wenig bis gar keine Gefühle erzeugen kann. Dennoch mangelt es dem Film an manchen Stellen gerade an dieser kraftvollen Emotionalität, welche man in anderen Nolan-Werken wie Inception, Interstellar oder sogar Dunkirk abwechslungsreich einbinden konnte. In Tenet fühlt man nicht mit den betreffenden Personen mit, sondern ist voll und ganz in der Materie der Zeit-Manipulation gefangen. Klingt zwar nicht schlecht, aber selbst zum Hauptprotagnisten (John David Washington), der im Film keinen Namen erhält, baut man als Zuschauer keinerlei Sympathie auf. 

TENET Filmbild
Bild: John David Washington spielt den unbekannten Hauptprotagonisten des Films. | Warner Bros.

Spionage-Thriller in Bestbesetzung

John David Washington gehört wohl zu dem ambitioniertesten Schauspielern der aktuellen Zeit. Spätestens mit BlacKkKlansman sollte einem der 36-jährige ein Begriff sein. In Tenet übernimmt er die Hauptrolle des unbekannten Protagonisten. Eine Rolle die zweifellos nicht viel Hintergrundgeschichte liefert, aber diese auch nicht zwingend benötigt. Auch in diesem Thriller überzeugt der Schauspieler mit seinem individuellen Können. Aber der eigentlicher Star des Films ist Twilight-Darsteller Robert Pattinson, den man viel zu häufig sehr unterschätzt. Mit seiner komplexen Figur beweist er (mal wieder) was in ihm steckt. Der Brite wird ja gern als der funkelnde Vampir von Twilight verharmlost. Eine mehr als nur ungerechte Betitelung seines Schauspieltalents. In den vergangen Jahre war er lediglich in einigen, aber zeitgleich qualitativ hochwertigen, Indie-Filmen zu sehen. Tenet ist nach Twilight, seine erste Filmrolle in einem Megablockbuster. Und man hätte niemand besseren dafür finden können. Er ist der heimliche Star des Films, der nicht direkt im Vordergrund agiert und dennoch offenbar mit Leichtigkeit alle Handlungen der Geschichte mit passenden Maßnahmen entgegen lenkt. Erwähnenswert seien auch noch Elizabeth Debicki, die ebenfalls eine wichtige Rolle in Tenet einnimmt, sowie der großen Gegenspart in Form eines Oligarchen, gespielt von Kenneth Branagh. Des Weiteren sind u.a. Aaron Taylor-Johnson, Himesh Patel und Michael Caine Randfiguren, die gleichsam eine nicht unwesentliche Rolle auf die Geschichte nehmen. Selbst die Nebenfiguren haben Chancen die Story mit verwegenen Handlungen oder Dialogen voran zu treiben. Jeder der genannten Figuren ist nicht wirklich durchschaubar und wir wissen selbst nach dem Ende nicht was deren Beweggründe waren. 

Unterhaltsame 150 Minuten mit packender Action

Schon der Einstieg in den Film beginnt rasant. Der Mix aus Kampfhandlungen mit invertierten Gegenständen oder Personen spiegelt den einzigartigen Charme des Film wieder. Da wird einem, selbst bei einem zweieinhalbstündigen Film keineswegs langweilig. Selbst wenn man mit der mysteriösen und komplexen Handlung nichts anfangen kann, bietet Tenet gute Unterhaltung im Stile eines Spionage-Thrillers, wo man längst nicht alle Geschehnisse richtig einordnen kann. Dabei ist die eigentliche Action, eine die ordentlich viel Abwechslung zu bieten hat. Mal kommt es zu einer wilden Schießerei, natürlich auch in Form der rückwärts laufenden Zeit, oder eine "stinknormale" Schlägerei. Es scheint auch nicht so, als hätte der Hauptprotagonist im Film jedes mal den vollständigen Überblick der Szenerie. Vielmehr versucht er in dem ganzen Chaos mit umgekehrter und geradlinig verlaufender Zeit die unübersichtliche Lage meistern zu können, was häufig auch fehlschlägt. Tenet ist gerade durch diese verschiedenen Zeitabläufe, ob vorwärts mit invertierten Gegenständen oder eine vorwärts agierende Person in der rückwärts sich abspielenden Zeit, im Action-Genre eine gelungene Abwechslung, vielleicht sogar als einzigartig zu betrachten, da man sowas in dieser Form oder Größe wohl bisher nicht gesehen hat.

Fazit:

So sehr Tenet eine Herausforderung für jeden einzelnen Kinogänger ist, desto mehr muss man dem Mastermind Christopher Nolan Tribut für diesen Film zollen. Eine solche Geschichte kann nicht jeder Regisseur für die große Leinwand konzipieren. Es mag zwar der komplette Mindfuck sein, aber am Ende zählt das Gesamtpaket und das ist einfach nur eine Wucht! Technisch wirft Tenet alles ins Rennen, was es in die Finger kriegen konnte, selbst vor einem Flugzeug machte man nicht halt. Vielleicht ist es nicht der allerbeste Film von Nolan, dennoch ist es für 2020 einer der besten Filme, die ihr sehen könnt. Vielleicht der größte Mainstream-Blockbuster in Bestqualität im aktuellen Krisenjahr. Ihr werdet den Film beim ersten Mal sehen wahrscheinlich nicht vollständig entschlüsseln können, aber um Tenet selbst zu zitieren: "Versuchen Sie es nicht zu verstehen! Fühlen Sie es"

MCG-Raiting

★★★★★

9.0 Punkte

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