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"The Old Guard": Die unsterbliche Elitetruppe (REVIEW)

Netflix haut erneut blutige Action in den Fokus, mixt diese aber mit dem neuen Streifen The Old Guard gezielt mit einem persönlichem Leidensweg, sowie ein Hauch von Science Fiction. Mit einer überaus talentierten Charlize Theron in der Hauptrolle hat man zudem eine Darstellerin, die man spätestens nach Atomic Blonde zu den aktuell besten Action-Schauspielerinnen zählen darf. Gute Voraussetzungen für ein großen Actionknüller, der tatsächlich auch gute Ansätze abseits seines Genres beinhaltet.

The Old Guard Filmbild
Bild: Eine Gruppe voller unsterblicher Individuen im neuen Netflix-Hit The Old Guard. | Netflix

Keine "normale" Background-Story

Wie viele Filme bieten das schon an? Ein Action-Plot mit dem Background, dass seine Hauptfiguren quasi unsterblich sind. Charlize Theron hat schon den ein oder anderen Actionkracher hinter sich und durfte ja bereits im Superheldenfilm Hancock in eine nahezu unverwundbare Rolle schlüpfen. Auf die schnelle würde man dennoch keinen vergleichbaren Film mit dieser Prämisse finden. Die Hauptfiguren Andy, Nicki, Joe, Booker und  Nile sind unsterbliche Individuen, die zeitgleich auch untereinander eine Art telepathische Beziehung besitzen. Woher die Kräfte allerdings stammen bleibt in der gesamten Geschichte DAS große Geheimnis. Es bleibt ohnehin nicht wirklich viel Zeit dies zu hinterfragen, denn nach einigen Missionen die diese Truppe zunächst als Vierergespann durchführt, folgt eine Verfolgungsjagd mit einem Industriemagnaten, der sich ihren Fähigkeiten bemächtigen will. Das kennt man so schon mehrfach aus anderen Filmen. Hinzu kommt, dass das jüngste Mitglied Nile (Kiki Layne) erst vor kurzem in den Besitz dieser außergewöhnlichen Eigenschaft gelangt. Sie zu finden, sie zu schützen, sowie sie über ihre Bürde für die Ewigkeit aufzuklären repräsentieren den Startpunkt des Films. Dieser ist sehr rasant inszeniert und bietet schon den ein oder anderen Vorgeschmack auf das was noch folgt. Trotzdem gibt es auch in dieser doch sehr spezifischen Handlung den ein oder anderen Knackpunkt, der die Geschichte häufig kippt. 

Schattenseite: Bösewichte!

Wie so häufig in solchen Geschichten brauchen die unverkennbaren Helden ihre großen Gegenspieler. In The Old Guard sind das der junge schon erwähnte Industriemagnat Merrick gespielt von Harry Melling, der vor allem noch den Harry Potter Fans bekannt sein sollte und Copley, dargestellt von Chiwetel Ejiofor (12 Years A Slave). Während Merrick, trotz der allseits einschüchternden Mimik seines Schauspielers, mit seinem Anliegen sich der Fähigkeiten der Elitetruppe zu bemächtigen einen ziemlich eintönigen Charakter verkörpert, ist die Figur Copley eine Persönlichkeit mit einer besseren Motivation, die aber äußerst unglücklich gescriptet ist. Beiden Schauspielern kann man die Rollen voll und ganz abnehmen, aber im Fortgang der Geschichte werden sie schlicht verbraten. Sie sind interessanter, als es die Story vermeintlich zulässt. Diese beiden Figuren kratzen, wie so manch anderes, nur an der Oberfläche der sich im Hintergrund abspielenden Prämisse. Nämlich um die Frage: Wie sind diese Menschen zu diesen Fähigkeiten gekommen? Und ist deren Unsterblichkeit wirklich etwas für die Ewigkeit? Das stellt folglich auch einen großen Konflikt für die Hauptfiguren dar. Denn diese hadern auch letztlich mit ihrer Gabe, da ihre Einsätze die Grenzen zwischen Gut und Böse bereits mehrfach in der Vergangenheit ausgelotet haben. Im Hinblick darauf ist das Team rund um Andy (Charlize Theron) deutlich besser geschrieben und stellt wie so oft in Actionfilmen die "Bösen" in den Schatten. In The Old Guard verkümmern diese zum allseits bekannten Muster eines Antagonisten, ohne nennenswerte Überraschungen. 

The Old Guard Filmbild
Bild: Hauptfigur Andy (Charlize Theron) kämpft hin und wieder auch mit antiken Waffen. | Netflix

Gruppendynamik ist bemerkenswert

Nachdem wir die eher seichte Hälfte der Bösewichte unter die Luppe genommen haben, machen wir wieder den Schwenk rüber zu unseren "Helden". Neben einer durch die Bank weg stark auftretenden Charlize Theron, werden weitere nicht weniger bekannte Persönlichkeiten neben ihr platziert. Mit dabei sind der Italiener Luca Marinelli, der Tunesier Marwen Kenzari und der Belgier Matthias Schoenaerts. Die junge und aufstrebende US-Schauspielerin Kiki Layne gesellt sich ja gemäß der Story erst ein wenig später dazu. Was man in The Old Guard ganz klar hervorheben muss, das fangen auch bereits die Anfangsminuten schön ein, ist eine sehr einprägsame Gruppendynamik. Man hat wirklich den Eindruck vermittelt bekommen, dass hier die unterschiedlichsten Charaktere mit unterschiedlichster Herkunft sich über die Jahre hinweg zu einem nahezu unschlagbaren Team geformt haben. Das mag einem nicht nur in den Actionszenen sofort ins Auge stechen, sondern auch in ihren privaten Gesprächen die durchaus viel Tiefe mit sich bringen, zum Vorschein kommen. Denn mit der Unsterblichkeit geht auch die Einsamkeit scheinbar Hand in Hand. Ein Merkmal, welches die Gruppe zusammen teilt und sie in gewisser Form auch abgehärtet hat. Denn jeder Einzelne hat seine Familie und alle noch so lieb gewonnen Menschen hinter sich gelassen bzw. hinter sich lassen müssen. Da nur sie diese Kräfte besitzen ist ein derartiges Familienleben ohnehin kaum vorstellbar. Die einzige Familie, die am Ende bleibt sind diejenigen die dieselben Kräfte besitzen. Das mag zunächst nach einem ziemlich düsteren Dasein klingen, die Gruppe hat aber Dank eines kleinen Anteils an Selbstironie auch ihre charmanten Momente, die zumindest im Ansatz etwas Lockerung versprechen. Der einzigen Person, der man dies allerdings nicht vollständig abnimmt ist die knallharte Andy (Charlize Theron), denn deren Auftritt ist sowas von kühl, dass für andere Kleinigkeiten, wie kleine humoristische Einlagen, eigentlich kein Platz mehr zur Verfügung steht.

Auf den Spuren von "Tyler Rake Extraction"

Man kommt mittlerweile nicht mehr drum herum neue Netflix Filme mit dem neuen Actionheld des Streamingdienst, in Person von Tyler Rake, zu vergleichen. Der Actionhit mit Chris Hemsworth hatte noch vor knapp drei Monaten den hauseigenen Startrekord gebrochen und wurde vor allem wegen seiner Qualität in den Actionszenen in höchsten Tönen gelobt. The Old Guard steht dem neuen Maßstab in Sachen brutaler Action bei Netflix in nichts nach. Dennoch lebt dieser Film, der auch eine kleine Portion Science Fiction in sich trägt, eher von seinen ruhigen Momenten. Die Actionszenen lassen häufig auf sich warten. Doch wenn der Film den Startknopf drückt dann ist es ein wahres Feuerwerk, auch wenn sich vieles mit der Zeit gleicht. Die einstudierte Choreo macht aber an vielen Stellen so viel Spaß, dass man sich gar nicht daran satt sehen kann. Da The Old Guard kein großes Geheimnis daraus macht, dass es sich zu einem eigenen Franchise aufspielen will, ist mit Sicherheit auch in Zukunft mit einem Action-Spektakel dieser Comic-Vorlage zu rechnen. Zwar wartet man hier noch auf eine offizielle Bestätigung, der Film selbst spielt aber unmissverständlich auf ein Sequel an, welches zweifellos noch eine Schippe drauf legen will. Denn tatsächlich bleiben große, in die Länge gezogene Action-Sequenzen in diesem Film die Ausnahme. Sie überzeugen zwar in ihrer Qualität, zu Tyler Rake allerdings fehlt dann doch ein riesiger Sprung. Für einen Actionfilm lässt sich dieser neue Streifen von Gina Prince-Bythewood dennoch viel zu viel Zeit mit seinen Kampfhandlungen. Das hätte deutlich mehr sein können und an manchen Stellen auch mehr Unterhaltung versprochen. Aber, und das ist gerade der wichtigste Punkt, irgendwie hat man sich so gut in die Geschichte hineingeschaut, dass man Bock auf mehr hat. Daumen hoch für einen zweiten Teil!

Fazit:

Mit The Old Guard hat Netflix nun ein weiteres Franchise am Start, welches ihre Zuschauer zweifellos finden wird. Der neue Actionfilm bietet gut choreographierte Actionszenen, eine sympathische Gruppe rund um Charlize Theron und einer interessanten Hintergrundgeschichte, welche einem zweiten Teil gute Anreize gibt. Man hat Bock auf mehr, auch wenn hier natürlich nicht alles in seiner Gänze funktioniert hat. Bösewichte bleiben, wie so oft im Action-Genre, unterdurchschnittlich und hier teilweise mit sehr eigenartigen Motivationen. The Old Guard wird zumindest für kurze Zeit große Wellen schlagen und definitiv auch viel positives Feedback erhalten.

MCG-Raiting

★★★    

6.0 Punkte

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