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"Tyler Rake: Extraction": Die realistische Version von John Wick (REVIEW)

Die Netflix Originale sind im Aufwärtstrend. Zumindest was deren Qualität betrifft. Nachdem bereits Adam Sandler seine Renaissance mit Uncut Gemes (zu deutsch: Der Schwarze Diamant) mit einem überdurchschnittlich guten Streifen gefeiert hat, darf nun Chris Hemsworth im überaus harten Tyler Rake Extraction wieder mal seine Fäuste sprechen lassen. Und das tatsächlich so gut, dass er für Actionking John Wick zur Konkurrenz werden kann!

Tyler Rake Extraction Bild
Bild: Die Ein-Mann-Armee Tyler Rake (Chris Hemsworth) versucht Ovi in Sicherheit zu bringen. | Netflix

Neuer Netflix-Actionkracher mit ungewohnter Härte

Nicht häufig, aber mit recht anschaubarer Ausbeute, veröffentlicht Netflix seine überharten FSK-18 Filme. Die besten Beispiele sind der Horror-Thriller Der Schacht und der Actionhit Polar mit Mads Mikkelsen. Auch Tyler Rake Extraction reiht sich in die Liste ein. Doch was macht den Film so anders? Wir haben bei diesem neuen Actionfilm letztlich auch nichts wirklich außergewöhnliches, was bspw. dem Marketing so extrem in die Hände spielt. Einziger Anhaltspunkt für werberelevante Zwecke sind zwei bekannte Namen, die an der Produktion mitgewirkt haben. Nämlich die Russo-Brüder (Avengers: Infinity War und Avengers: Endgame). Und ach ja, Thor-Darsteller Chris Hemsworth nicht zu vergessen. Aber sonst macht Extraction im Vorfeld (also vor der eigentlichen Sichtung) nicht unbedingt den Eindruck, dass dieser Film ein Alleinstellungsmerkmal besitzt, welches ihn von der breiten Masse an Actionfilmen hervorhebt. Aber 65 Mio. US Dollar Produktion müssen sich letztlich auch rentieren und offenbar steuert dieses neue Netflix-Original auf eine enorm gute Aufrufezahl zu. Wahrscheinlich sogar so gut, dass Tyler Rake Extraction einen neuen Rekord für Netflix aufstellen wird. Gedankt ist das vor allem einem hervorragenden Fokus, was die technische Seite betrifft. Nicht zu hektisch, nicht zu aufdringlich und definitiv Action die deutlich mehr Realismus ausstrahlt als die "alltäglichen" Actionstreifen.

Eine realistische Form eines John Wick

Zu wem man im Action-Genre natürlich sofort den Vergleich ziehen muss ist die Filmreihe John Wick. Extraction, mag was die Kämpfe angeht, möglicherweise nicht in derselben Liga spielen. Aber die Action-Sequenzen sehen nach deutlich mehr instinktiven Handeln aus, als beim stark choreographierten John Wick. Choreos sind zwar Alltag in der Filmproduktion, aber bei manch einem Film vermag man dies durch dessen Struktur teilweise gut zu übersehen, als bei Anderen. Extraction ist mal wieder so ein Beispiel, wo die Choreographie nicht so stark auffällt. Das Handeln der kämpfenden Figuren ist deutlich ausgewogener und damit natürlich auch nicht so übertrieben wie üblich. Dadurch wirken die Kämpfe deutlich realitätsnaher und veranschaulichen die extrem spürbare Härte in den einzelnen Szenen. Was zudem sehr stark auf die Szenen einwirkt sind die authentischen Sets, welche hauptsächlich von überlaufenen und dreckigen Armutsvierteln geprägt sind. Ein Großteil von der Geschichte spielt in Bangladesh und erzählt neben der Befreiungsmission von Tyler Rake auch von einem Drogenkrieg zwischen zwei verfeindeten Konkurrenten, für die jedes Mittel recht ist. Und dieser Nebenstrang ist heute so alltäglich wie eh und je. Die Geschichte, so normal sie auch zunächst wirken mag, hat sehr viele Parallelen auf unsere aktuelle Zeit und fühlt sich damit so an, als könne Tyler Rake Extraction im hier und jetzt spielen. Eine Eigenschaft die man häufig vermisst.

Tyler Rake Extraction Bild
Bild: Tyler Rake (Chris Hemsworth) während eines Kampfes in den Straßen von Bangladesh. | Netflix

Der gepeinigte Held

Was vielen Actionfilmen schlichtweg fehlt ist eine gute Hauptfigur. Chris Hemsworth als Tyler Rake ist eine solche. Der Hauptheld der Geschichte ist von seine Vergangenheit geprägt und hadert an einigen Stellen an seiner blutigen Berufung. Nicht umsonst bekennt er sich deutlich innerhalb des Film mit seinem Job nicht als Jemanden, der anderen Menschen hilft, sondern wortwörtlich als Jemanden, der Menschen tötet. Dies veranschaulicht auf eine besonne Art, wie sehr der Protagonist von Selbstzweifeln zerfressen wird. Chris Hemsworth ist zweifellos prädestiniert für jede Action-Rolle. Eine Figur mit weitreichender Tiefe darzustellen, ist aber mit Sicherheit für einen Actionfilm keine leichte Aufgabe. Chris Hemsworth verkörpert den leidenden Helden aber dennoch sehr gut. Was allerdings neben dem Tod eines Familienmitglied den kühlen bis eiskalten Charakter von Tyler Rake geprägt hat, bleibt aber weitestgehend dem Gedankengang des Zuschauers überlassen. Der charakterliche Hintergrund hängt dem sonst so rasanten Actionkracher ein gewisses Maß an Dramatik an, welche dem gesamten Film außerordentlich gut tut. Denn gängige Actionfilme geben schlichtweg viel zu wenig her, was ihre Protagonisten und deren Geschichten betrifft. Hier vermag es das Netflix Original eine wesentlich bessere Grundlage vorzustellen, auch wenn es die wohl eher ziemlich einfach gehaltene Mission etwas zu weit ausdehnt.

Action satt und Blutrausch pur

Für Actionfans ist Extraction eine sehr gute und empfehlenswerte Auswahl. Es geht äußerst hart zur Sache und auch die Sprache/Ausdrucksweise der filmischen Figuren ist keineswegs nachsichtig geschrieben. Die Altersfreigabe FSK 18 hat sich der Film ohne jeden Zweifel mehr als verdient. Hierfür sollte man also, wenn man sich den Film geben will, natürlich offen sein. Für viele Zuschauer mag das FSK 18 eventuell abschreckend sein, aber im Endeffekt ist alles halb so wild. Ihr braucht euch aber mit Sicherheit keine Gedanken über denkbar ekelhafte Momente machen. Es ist, wenn man es bei dieser FSK so sagen kann, sehr "einfach" gehalten. Als Zuschauer kommt man definitiv auf seine Kosten. Extraction hat spannende Schusswechsel und derbe Faustkämpfe, die auch unter die Haut gehen können. Man kann sich eventuell soweit in die Figur reinsteigern, dass man tatsächlich sogar mitfiebern kann. Die sehr fokussierten Einstellungen verhelfen dem Film zu einem großen Action-Highlight aus dem Hause Netflix, welches in diesem Jahr noch in so manch einer Top-Liste (natürlich nur was Actionfilme betrifft) zu finden sein wird.

Fazit:

Netflix scheint sich nun auf brutale Action mittlerweile gut eingespielt zu haben. Tyler Rake Extraction bietet einen Actionfilm mit einer starken Hauptfigur und eine durchaus abwechslungsreiche Geschichte an. Für Actionfans ist der Film eine besonders große Empfehlung wert und wer sich nicht an Filmen mit einem FSK 18 stört, sollte sich definitiv ein Bild davon machen. Hinzu kommt, dass man deutlich viel wert auf die Produktion gelegt hat. Man merkt schnell, dass hier erfahrene Produzenten am Werk sind und in vielen Einstellungen Extraction durch klaren Fokus um einiges wertiger machen, als es die doch sehr simple Geschichte eigentlich zugelassen hätte.

MCG-Raiting

★★★  

7.0 Punkte

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