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"Waves": Ein simples Drama schlägt zu hohe Wellen (REVIEW)

Familiendramen haben stets zwei gute Ansätze für Zuschauer: Erstens erzählen sie zumeist sehr alltägliche Probleme, mit welchen sich viele Menschen in der Realität auch auseinandersetzen müssen und zweitens beinhalten sie, wie es das Genre selbst im Namen hergibt, ein gewisses Maß an Dramatik und oftmals viel Melancholie. Das US-Familiendrama Waves erfüllt diese Punkte zwar, kann sich aber nicht zwischen einem simplen Drama und dem ständigen Hang ins künstlerische abzudriften entscheiden.

Waves Filmstil
Bild: Ronald (r., Sterling K. Brown) und Tyler (l., Kelvin Harrison Jr.) haben ein schwieriges Verhältnis. | Universal Pictures

Familiendrama mit radikalem Schnitt

Eigentlich ist Waves ein Film, welcher zugleich drei Dramen in über zweieinhalb Stunden zusammengefasst hat. Zuerst sieht es so aus, als würde es sich rein um ein Sportlerdrama handeln. Tyler (Kelvin Harrison Jr.) und sein Vater sind Fitnessfanatiker, und Tyler ist wie sein Vater ein erfolgreicher Ringer und lebt mit dem ständigen Druck auf noch besser zu sein. Bis zu einem gewissen Punkt sehen wir nur diesen Part. Danach allerdings beginnt der Part des Familiendramas, welches sich durch eine Reihe sehr stereotypischer Problematiken im jungen Erwachsenenalter definiert, und durch ein schlimmes Ereignis erst in Gang gebracht wird. Nahezu zeitgleich allerdings will Waves dann doch einer Figur der Story völlig abrupt in den Vordergrund stellen, obwohl nicht einmal fünf Szenen mit dieser zuvor zu sehen waren. Ein ziemlich radikaler Schnitt, der kaum bis absolut nicht nachvollziehbar ist. Im Endeffekt hätte man den gesamten Film um ca. eine Stunde kürzen können. Denn ab der zweiten Filmstunde gibt es wahnsinnig viele Szenen die tatsächlich nicht mehr als ewig in die Länge gezogene Lückenfüller sind. Das dritte Drama des Films ist so etwas ähnliches wie ein Jugendrama, mit dieser einen Figur die sich bislang absolut im Hintergrund aufgehalten hat. Hier geht es dann vor allem um eine sehr Klischee überladene Liebesromanze, in der der Oscar-Nominierte Lucas Hedges den völlig überdrehten Freund spielen muss. Man sieht Waves beinhaltet viele Geschichten in einer und ist mit 135 Minuten viel zu lang geraten!

Unnötig kunstvolle Inszenierung

Viel zu häufig will Waves mit gewagten Änderungen in Sachen Technik einige Szenen kunstvoll hervorheben. Ja es mag sein, der Titel (zu deutsch: Wellen) mag auf die filmische Handlung durchaus zutreffen, denn die Geschichte surft förmlich auf der Welle des Lebens auf und ab, auf und ab. Aber bspw. im letzten Drittel benutzt man Blenden, die zunächst wie ein vorgesehenes Ende wirken. Doch mehrere Male erzählt der Film, obwohl es kaum noch was zu erzählen gibt, einfach nur weiter. In gewisser Weise zwar konsequent, um auch jedes Detail der zweiten Hauptfigur einzufangen, aber doch an vielen Stellen sehr öde und langatmig. Hinzu kommt das die eingesetzten filmischen Kunstfertigkeiten in diesem Drama für heutige Verhältnisse wirklich veraltet sind und kaum einen Zuschauer packen können. Die Rede ist unter anderem der kurzzeitige Wechsel des Formats. In einer Szene wechselt die Kamera vom typischen 16:9 plötzlich auf 4:3. Warum? Begründen könnte man diese aller Wahrscheinlichkeit nur damit, dass nun der entscheidende Cut von erster Hauptfigur zur zweiter Hauptfigur und deren Geschichte vollführt wird. Dennoch ergibt dieser kurzzeitige Wechsel überhaupt keinen Sinn. Bei den Dreharbeiten ist wohl jemanden das Künstlerherz aufgegangen. Gelungen ist das aber nicht! Weder der Formatwechsel, noch der absurde Einsatz von verschiedenen Blenden, die am Ende sogar wie eine Art LSD-Trip wirken (es sollte wohl wie die Spiegelung auf Wasser aussehen). Wie gesagt für ein solches, im Grunde sehr simples Drama, macht es wenig bis gar kein Sinn, derartige Übergänge im hohen Maße einzusetzen.

Waves Filmstil
Bild: In dieser Szene ist die Welt noch in Ordnung bei Tyler (Kelvin Harrison Jr.) | Universal Pictures

Warum es nicht an den Darstellern liegt

Was aber positiv erwähnt werden sollte, sind die Darsteller, denn die sind in ihren Rollen zuweilen sehr überzeugend. Ganz besonders muss man vor allem Sterling K. Brown als streng erziehender Vater mit weichem Kern, als auch die überaus tragische Figur Tyler (Kelvin Harrison Jr.) hervorheben. Im Zusammenspiel mit ihrer Familie, die in ihrer Gesamtheit viel interessanter sind, als sie zu Beginn wirken. Und das ist wirklich etwas, was im Film vielen wohl doch aus dem Alltag bekannt sein wird. Zusammenhalt in der Familie, ist trotz Zwist und gelegentlichen Streitigkeiten größer und je mehr sich die Figuren mit einander zusammen setzen, desto eher werden Problem gelöst. Dabei ist in der zweiten Hälft ganz besonders die Beziehung zwischen Vater und Tochter für die Geschichte entscheidend. Denn beide Figuren hatten zuvor kaum eine persönliche Bindung, zumindest filmtechnisch. Hier wird eine ohnehin schwierige Beziehung, auch durch die tragischen Ereignisse im Hauptteil gefestigt und sorgt für einen sehr rührenden Moment, von denen es einfach viel zu wenig in Waves gibt. Den Darstellern, selbst den eher Unbekannten und die eigenartige Figur von Lucas Hedges, kann man keinen Vorwurf machen. Sie legen sich allesamt ins Zeug, werden aber durch die Langatmigkeit und vieler irrelevanter Szenen als Figuren überschrieben.

"Waves" weiß einfach nicht wann Schluss ist!

Die letzte Stunde, und das beschreibt bereits der zweite Absatz im Artikel sehr gut, bei Waves dreht sich völlig im Kreis. Der Film tritt wahrlich nur noch auf der Stelle und kann seine Geschichte nicht zu einem ordentlichen Abschluss bringen. Es dauert und dauert und dauert. Und eine unbrauchbare Szene folgt auf die Nächste. Es wäre doch alles so viel einfacher gewesen, wenn dieses Drama schlicht nach eineinhalb Stunden mit dem Schock im Hauptteil beendet werden sollen. Vielleicht müsste man mit einem anderen Filmtitel argumentieren, aber ein anderes Ende hätte locker die Qualität des Filmes entscheidend angehoben. Wenn die Zuschauer nach dem aufgezwungenem Abschluss höhnisch applaudieren, stellt das einen ziemlich klaren Beweis dar, dass Waves schlichtweg nicht weiß, wann er sich selbst komplett aus erzählt hat. Das ist traurig, wenn nicht sogar ärgerlich, da der Film keine allzu schwer verstehende Handlung besitzt. 

Fazit:

Leider hat dieses Drama, welches durchaus zu wissen vermag, wie es mit Leid und Tragik umgehen muss, viele Probleme. Beinahe genauso viele, wie es auch versucht in seiner Story ineinander zu vereinen. Waves hat Passagen die viel zu lang geraten sind, kunstvolle Übergänge die absolut nicht ins Bild passen und eine Laufzeitlänge, die viele Zuschauer zum Einschlafen bringen wird. Vor allem auch dann, wenn sich der Film im letzten Drittel nur noch im Kreis dreht und kaum etwas neues zum Vorschein bringt. Waves versucht ein simples Drama in ein kunstfertiges Filmwerk zu kreieren. Der Schuss ging aber ordentlich nach hinten los!

MCG-Raiting

★★★    

3.0 Punkte

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