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"Wir": Einzigartiges Konzept mit gescheitertem Twist (REVIEW)

Jordan Peele gelang vor gut zwei Jahren mit dem Genre Mixer Get Out ein absolutes Meisterstück. Dieses war nicht nur ein kommerzieller Erfolg, sondern zugleich sein großer Durchbruch als Regisseur. Bei den Oscars 2018 wurde Peele sogar für das Beste Originaldrehbuch ausgezeichnet und das auch noch mit seinem Regiedebüt. Klar war, dass die Erwartungen für seinen neuen Streifen dementsprechend in die Höhe geschnellt sind. Und auch wenn Wir sich ebenfalls in mehrere Genre einsortieren lässt, ist es am Ende doch fast eine kleine Enttäuschung.

 

 

"Wir" gibt viel zu wenig Preis

Es ist sicherlich nicht verkehrt, von der eigentlichen Geschichte, bei einem derartigen Film Preis zu geben. Doch Peele strikt um das WIESO, WESHALB und WARUM einen viel zu großen Faden, der sich zum Schluss ordentlich verknotet. Er fordert zwar die Zuschauer dadurch auf genauer hinzuschauen, doch vermag der Plot nicht die Geheimnisse in ausreichender Form zu entlüften. Es sind zwar genau solche Filme, die in der aktuellen Filmlandschaft fehlen, doch ist Wir ab und zu dennoch eine Spur zu verdreht geworden. Vieles an der sonst relativ mysteriös aufgebauten Story macht das rückwirkend kaputt. Er orientiert sich zwar in gewisser Form an Get Out, bleibt aber dennoch eigenständig. Paradoxerweise wird Wir eben dieses Merkmal zum Verhängnis. Denn schon beim genauen Betrachten der Anfangssequenz kann das geübte Zuschauerauge bereits erahnen, wie sich der aufgebaute Twist am Ende, auflösen wird. Der schauderhafte Start ist, wenn man den Film zu Ende gesehen hat, leider dessen Achillesverse.  Und das größte Problem bleibt die Erklärung der Ereignisse an sich. Zum Schluss wirkt der Grund nahezu ideenlos, fast schon als müsse man zu der brutalen Entwicklung noch ein Prequel als Übergang inszenieren.

 

Lupita Nyongo mit tadelloser Leistung

Schon bei Black Panther, konnte man sie als Kämpferin sehen. Nun sehen wir Lupita Nyongo erneut in einer kämpferischen Rolle und das im Grund gleich doppelt. Egal ob "normaler" oder "böser" Zwilling, in ihren Rollen in Wir überzeugt sie uns erneut. Für die Komplexität ihrer Figur war das nicht Selbstverständliches. Das hätte durchaus in absoluten Chaos enden können. Doch Lupita Nyongo gelingt es ihren Figuren die richtige Präsenz zu zuordnen. Besonders wenn die beiden Figuren miteinander agieren müssen, vermag sie es diesen schweren Schritt mit einer Leichtigkeit zu gehen. Hier passt die Chemie. Bei den anderen Charakteren sieht das schon anders aus. Die Aufgabe ist bereits für erfahrene Schauspieler eine Herausforderung, und für junge, im Kindesalter befindende, Schauspieler wirklich schwer umzusetzen. Shahadi Wright Jospeh und Evan Alex haben in ihren Doppelrollen zwar ihre Schwierigkeiten, bleiben aber ziemlich ausgewogen. Das größte Problem im Cast sieht man dann schon eher beim Familienvater, gespielt von Winston Duke, der als böser Zwilling teilweise schon etwas zu sehr ins lächerliche abdriftet. Auch die Gags die mit seiner "normalen" Figur einher gehen bleiben sehr stumpf und für die Geschichte nicht relevant genug, als dass sie unbedingt in den Film integriert werden müssen.

 

Bild: ... | ©Marvel Studios 2019

 

Technisch fokussiert und mit gutem Sound untermalt

Es gibt sehr viel ABER was diesen Film betrifft. Doch bei einer Sache gibt es das nicht, nämlich bei seiner technischen Raffinesse. Wir wechselt seinen Fokus von weiten und nahen Zooms und immer im interessanten Wechselspiel der Zwillingsfiguren. Das mag zunächst einfach klingen, macht aber auf der Leinwand am Ende den Unterschied aus. Sehen wir in einer Einstellung beispielsweise die verängstigten Gesichter der "normalen" Familie, blicken wir in der nächsten Einstellung auf die bösartig versteiften Mimen der Doppelgänger. Diese Spiegelung von mehr als nur einem bekannten Gesicht, mit einem bösartigen Funkeln in den Augen ist psychisch nervenaufreibend und kitzelt an manchen Stellen sogar ein Lachen aus den Zuschauern, wenn es zu drüber ist. Aber genau diesen Punkt trifft Peele mit der Kamera sehr gut. Und genauso gut untermalt die Musik die psychischen Spielereien, die dem Fortgang der Handlung ihre besondere Würze verleihen. Wir bietet vor allem im Schlussakt einen Soundtrack an, der einem durch Mark und Bein geht und trotz der inhaltlichen Makel auf spannende Phasen vorbereitet.

 

"Wir" ist auf der Leinwand ein Einzelfall

 

Ein weiterer großer Pluspunkt für Jordan Peele´s Wir ist dessen Alleinstellungsmerkmal. Durchforstet man die Psycho-Thriller oder Horrorstreifen der vergangenen Jahre wird es einem nicht gelingen einen ähnlichen Film aufzuspüren. Wir hat durch seine enorme Vermischung verschiedene Filmgenre und der Grundidee eine Geschichte geschaffen, die es so kein zweites Mal gibt, vielleicht sogar geben wird. Dies gelang bereits schon mit Get Out und Jordan Peele scheint es wirklich zu verstehen, wie er verschiedene Ebenen der unterschiedlichsten Filme so verbinden muss, um diese im Nachgang fast unkopierbar zu machen. Nicht vielen Filmen gelingt es aktuell, eine komplett einzigartige Geschichte auf die Leinwand zu zaubern. Zu fast allen Filmen, fällt uns ein Ebenbild ein oder ein Vergleich in den Sinn. Bei Wir sieht man nur zaghafte Ansätze von Get Out (und bereits für diesen wird man als Vergleich keinen Film finden können), aber man wird es auf Biegen und Brechen nicht schaffen etwas ähnliches in der Filmlandschaft zu finden. Die Individualität ist also Top!

 

Bild: ... | © 2019 eOne Germany

 

An seinem Wendepunkt gescheitert

Es hätte so viel mehr sein können. Das zuvor bereits erwähnte inhaltliche Manko, dass Wir besitzt, macht den Film um einiges schwächer. Der Wendepunkt, der zudem durch einen mittelmäßigen Schlussfight, erst ans Licht kommt, ist Jordan Peele´s ersten Streich mit Get Out in keinster Weise gewachsen. Im Grunde ist die Anfangsszene der Schlüssel zum Erfolg gewesen oder in diesem Fall zu seinem Misserfolg. Dem Ende gelingt es nicht zu überraschen. Vielmehr haben wir bereits die ganze Zeit, durch einige Flashbacks die dunkle Vorahnung, die in den Schlussminuten ihre undankbare Bestätigung findet. Wir hätte ohne die Anfangssequenz (oder eben mit kleineren Abstrichen davon) eine ebenso große Punktlandung sein können, wie Get Out. Doch genau an der wichtigsten Stelle im Film scheitert Wir allerdings und ist dadurch "nur" ein guter Psycho-Thriller.

 

Fazit:

Wir orientiert sich nur selten am Vorläufer seines Regisseurs (Get Out) und trotzdem muss man diese beiden Filme am Ende, gemessen an deren Gesamtprodukt, messen. Während 2016 Get Out versucht die Geschichte mit viel Liebe zum Detail aufzulösen, verpasst Wir eben diese Abzweigung. Und dennoch findet man so eine Art Film, wie hier kein zweites Mal. Peele gelingt es erneut mehrere Genre (Horror, Psycho & Thriller) gekonnt mit einander zu kombinieren. Herausgekommen ist ein gutes Endresultat, dass sich allerdings mit seinem Kernelement: Der Geschichte um bösartige Zwillinge enorm schwer tut. Schauspielerisch und technisch ist Wir auf einer Ebene mit Get Out. Lupita Nyongo muss man dabei ganz klar hervorheben, die in ihrer Rolle einen Wahnsinnsjob abliefert. Doch die Auflösung und die fehlende Dramatik im Schlussakt, sowie einen unterdurchschnittlichen Twist am Ende fügen dem neuen Projekt von Jordan Peele erheblichen Schaden zu.

 

MCG-Raiting

★★★★★★

6.5 Punkte

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